Anja Kaufhold

Künstlerin

Texte

Karin Weber Kunstwissenschaftlerin und Galeristin
Mit Pinsel, Tusche und Buntstift beschreibt Anja Kaufhold das Verhältnis von Mensch und Natur mit filigranen Zeichnungsgeflechten, die sich in einer üppigen „all over“ Struktur zu potenzieren scheinen. Natur ist nicht Landschaft im herkömmlichen Sinne, sondern ist ein Kosmos, in dem Innen- und Außenformen miteinander verschmelzen. Landschaft ist eine poetische Strukturanalogie von Mikro- und Makrokosmos. Die Zeichnungen verdeutlichen schwebende Wachstumsprozesse, in denen sowohl Naturerfahrungen, Wahrnehmungen gesellschaftlicher Verhältnisse, zwischenmenschliche Beziehungen, Erinnerungen und Sehnsüchte miteinander zu Klangbildern verschmelzen. Fließende organoide Gebilde werden sichtbar, die wohl dem metaphysischen Gesetz denkwürdiger Zufälle folgen. Elemente von Flora, Fauna verwandeln sich mit humanoiden zu etwas sehr Eigenständigem – einer bildkünstlerischen Schöpfungsgeschichte erregter Farbigkeit, fest eingeschlossen in Konturen, die sich auch wieder auflösen können und sich durchdringen – gemeotrisierte Gärten der Phantasie. Die Fähigkeit zur Metamorphose zeugt von der Einheitlichkeit und Vitalität des Lebens, der Anja Kaufhold nachspürt. Kreis- und Ovalformen dominieren, Anfang und Ende in einem und gleichzeitig Symbole für Ganzheitlichkeit, Welt und Harmonie, für den ewigen, universellen Kreislauf von Werden, Wachsen und Vergehen. Man steht als Betrachter einer heiter gelösten Existenz gegenüber, die ohne Kanten und Konflikte auskommt. Ein pulsender, knospender Rhythmus ist spürbar, der die Phantasie anregt, diese biomorphen Hieroglyphen zu lesen und die Leerflächen mit eigenem Klang zu füllen. Das Vegetabile, das Elementare, das Kosmische, das Phantasmagorische, das Androgyne bilden wie in einem Suchbild verflochten, filigrane wie monumentale Wandlungsformen des sich unaufhörlich ausbreitenden Lebens, durchwachsen von ornamentalen Ganglien eines künstlerischen Stoffwechsels, der genährt wird von Erfahrungen und Träumen. Das Sichtbare wirkt poetisch, ja sinnlich, ist auf magische Weise geheimnisvoll und schön – eine Farborgie von Wandel und Widergeburt im Sinne eines Alphabets der Natur.

Heinz Weißflog
Artikel in der DNN vom 21.9.2015 zur Einzelausstellung von Anja Kaufhold Rhythmus der Phantatsie in der Volksbank/Raiffeisenbank/ Filiale Schillerplatz

Im Jahr 2011 wechselte die Malerin Anja Kaufhold ihr Atelier von Braunschweig nach Dresden-Striesen. In der Volksbank/Raiffeisenbank in der Filiale am Schillerplatz zeigt sie verschiedene Themen und Werkgruppen aus ihrer jetzigen Arbeit als Malerin. Dabei bevorzugt sie informelle und abtrakte Strukturen, die sie zunächst in der Farbzeichnung mit Bunt-und Tuschestift abklärt. Von breiten Rollen des Fabiano-Papieres abgezogen, entstanden so großformatige Kosmogonien, die sowohl den Makro-als auch Mikrokosmos von von der von Natur vorgegebenen Strukturen umfassen. Biomorphe Gebilde kommen auch in der nachfolgenden Serie „Wandlungsformen“ aus den Jahren 2013/14 vor: Stark farbige Schwingungen und amöbische Ausbuchtungen vereinen sich zu grotesken Kompositionen, die vom Miteinander in einer Parallewelt erzählen. Einige ihrer informellen Öl-und Acrylbilder auf Leinwand nennt sie „Schichtwechsel“, pastose Farbaufträge mit Spachtel und Pinsel von realen und fiktiven Landschaften mit Flüssen, Himmeln und Blütenmeeren. In der Serie „Cyrcles in my mind“ thematisiert sie den Kreis, zunächst im Aquarell, danach in der Mischtechnik mit tränenartigen Verlaufsspuren und kleinen Sonnenkörpern im kabinetthaften Format. Anja Kaufholds Kunst ist spielerisch und emotional, manchmal auch mit einer feinen Erotik unterlegt. In Zyklen und Kreisen denkend beantwortet die Malerin ihre Fragen nach Existenz und Leben und ihrem fast spirituellen Interesse für Kosmos und Natur, deren Formen für sie stilbildend geworden sind mit denen sie etwas Neues schafft.

Ateliergespräch Chaos und Ordnung

Am 18. April 2013 fand im Atelier von Anja Kaufhold das Gespräch zum Thema Chaos und Ordnung statt. „Das Gegensatzpaar Chaos und Ordnung begegnet uns in allen Kulturen und Religionen. Selbst im Alltag erscheinen uns Dinge, Lebensformen oder Systeme als wirr und ungeordnet oder als strukturiert und in ordentlichen Bahnen verlaufend. Dabei kann ein Wechsel der Perspektive die Wahrnehmung verändern, so dass die Dinge im Makro- oder Mikrokosmos unerwartet chaotisch oder organisiert erscheinen. Was kennzeichnet das Chaos, und warum erfahren wir etwas als geordnet und anderes als konfus? Die Künstlerin Anja Kaufhold stellt sich in ihren Zeichnungen und farbenfrohen Darstellungen diesen Fragen und erschafft auf der Leinwand ein phantastisches Formenspiel, das nach Ordnung sucht und sie gleichzeitig darstellt“ (Ankündigungstext).
Chaos wirkt auf den Menschen gleichermaßen faszinierend und beängstigend. Wie ein verschlingender Abgrund, der Ordnung und Sein bedroht, schwebt es in der Phantasie des Menschen als nicht fassbare ontologische Klassifikation, einem Damoklesschwert gleich, über der Existenz. Franz von Baader nennt das Chaos „jenes Nichtsein, was als Mögliches diesem sichtbaren Universum vorlag“ (Dierse/ Kuhlen 1971). Der Abgrund, die Unordnung oder das Nichts sind synonyme Äquivalenzen, die selbst im Unbestimmten bleiben. Meist sind es metaphorische Deskriptionen, die versuchen, den Chaosbegriff zu fassen. Eine Problematik der Klassifikation von Chaos liegt auch in der Differenzierung von Ordnung, die ethisch, sozial, theologisch, philosophisch, biologisch, ontologisch etc. ausgerichtet und je nach Fokus spezifisch betrachtet werden kann. Wo fängt Chaos an, wo endet Ordnung? Es bleibt eine subjektive Perspektive und eine begriffliche Kategorisierung ist erschwert. Dabei scheint die normative Verknüpfung von Chaos und Ordnung offensichtlich. Ordnung wird in der Regel positiv konnotiert, sie erleichtert durch Struktur Denken und Handeln, während Chaos als Antagonist dergleichen erschwert oder unmöglich macht. Die Grenzen sind jedoch fließend. Mit diesen und anderen Deskriptionen und Vorstellungen arbeitet die Künstlerin Anja Kaufhold in ihren Zeichnungen und Gemälden.
In ihrem Werk O.T. aus dem Jahr 2014 scheinen sich drei bunte Kugeln im Prozess des Auflösens zu befinden. Die Formen zerfließen und ergießen sich in ornamentalen Geflechten in den Raum, der in einem warmen Weißton undefiniert bleibt. Sie zerfließen und umfließen sich zugleich und scheinen sich tastend zu berühren. Lösen sich die drei Formzentren auf oder befinden sie sich im Prozess des Ineinander-Übergehens oder der Genese? Auch im Detail scheint sich das Spiel zu wiederholen. Sowohl kleine strukturierte Flächen, Ornamente und Linien scheinen sich in Strudeln und Wirbeln zu verlieren und sich neu zu bilden. Bei der gesamten Szenerie bilden die kräftigen Farbtöne aus Blau, Gelb, Grün, Rot in Kombination mit schwarzer Rahmung und Linienführung das prägende Element. Die im Detail teilweise strengen Farb- und Formgrenzen vermischen sich bei wechselnder Betrachtungsperspektive in weiche Übergänge und Farbverläufe, so wie Farbmischungen erzeugt werden. Begrenzungen lösen sich auf. Ein scheinbar chaotisches Element der Bewegung erzeugt Struktur und lässt Ordnung entstehen. Die Künstlerin spielt mit dem Perspektivwechsel von Nah und Fern, von Groß und Klein sowie von Detail- und Gesamtansicht. Für diese originelle Darstellungsweise genügen Anja Kaufhold Bunt- und Tuschstifte. Das dialektische Spiel von Chaos und Ordnung ist in ihren Bildern nicht einseitig normativ gewichtet. Gerade durch das Aufbrechen von geordneten und zugleich einengenden Grenzen wird in einem kreativen Akt Harmonie freigesetzt. Das Motiv des Werdens und Vergehens ist in ihren Werken gleichermaßen präsent wie es in der Natur zu beobachten ist. Daher verwundert es nicht, dass für die Künstlerin eine entscheidende Inspirationsquelle die Natur ist; „skurrile“ Gebilde von Naturobjekten, seien es Steine, Hölzer oder Pflanzen, bilden ihre Formvorbilder, was unter anderem an einer gewissen Ornamentik ihrer Werke evident und nachvollziehbar wird.
Ein weiteres Werk richtet nicht nur allein durch den Titel den Blick ins Unendliche. Mit Von Kosmos zu Kosmos I lenkt Anja Kaufhold die Blickrichtung des Betrachters offensichtlich ins Universum. Dabei steht der Begriff des Kosmos in signifikanter Relation zum Chaos. Kosmos steht beispielsweise in der biblischen Tradition als Gegenbegriff zu Chaos bzw. Tohuwabohu (Leere, Öde etc.) für die göttlich inspirierte Weltordnung und Schöpfung (vgl. Zenger 2009). In diesem Sinne ist Kosmos der Raum, in dem Leben herrscht. Anja Kaufhold signalisiert mit diesem Titel ein Gedankenspiel von verschiedenen Lebensräumen und eine Relativität der Betrachtung. Zwei nicht komplett geschlossene Kugel- bzw. Kreisflächen stehen sich diametral gegenüber. Die kleinere ist auf der linken unteren Bildseite positioniert, die größere auf der rechten oberen Seite. Beide Farbräume sind angeschnitten. Innerhalb der Farbflächen sind unterschiedliche runde Formen in Interaktion mit Farben; spirale Kreisformen scheinen sich im Unendlichen zu verdichten, wieder aufzulösen und ineinander überzugehen. Das Motiv des Werdens und Vergehens drängt sich unweigerlich auf. Auch wirkt der Prozess der inneren bunten Verwirrung und Bewegung durch die scharf angeschnittenen Kanten der äußeren Form links und rechts nochmals gesteigert. Die Farbgebilde – Galaxien – vollführen selbst eine Bewegung durch Raum und Zeit. Mit Bezug auf den Titel ergeben sich unweigerlich Assoziationen zur Speziellen Relativitätstheorie Einsteins und zur Beziehung von Raum, Materie, Zeit und Licht (Photonentheorie), die nicht nur das physikalische Weltbild verändert haben. Der Wellencharakter des Lichtes wird im Farbspektrum sichtbar und Farbe ist nichts anderes als Licht. Diese Reflexionen finden sich bildlich umgesetzt durch die Künstlerin. Sie erzeugt mit ihrem wechselnden Farbspiel und ihren Strukturen der Formbildung und Veränderung einen bewegten Prozess. Licht wird sichtbar und der unendlich wirkende Raum wird von bunten Galaxien bevölkert, analog zu spektakulären und farbenreichen Ablichtungen weit entfernter Welten (z. B. durch das Hubble-Teleskop). Anja Kaufhold erschafft mit ihren Bildern eine eigene Raumerfahrung, wo die Beschreibung der rezeptionsästhetischen Temporalität eine erweiterte Tiefendimension bekommt. Der Blick der Relativität ist omnipräsent. Die Galaxien bewegen sich in Raum und Zeit. Welten, Leben, Farben sind am Entstehen und Vergehen. Umso tiefer man in die Zeichnung eindringt, umso stärker verliert sich der Betrachter im Detail – in neuen phantastischen Galaxien. Welchen Standpunkt nimmt der Betrachter ein? Zu welcher Zeit blicken wir aus welcher Perspektive auf den Kosmos?
Diese und andere Fragen ergeben sich auch bei einem weiteren Werk der Künstlerin, das noch differenzierter die Fragen nach Relativität und Perspektivwahl aufgreift. Wandlungen aus dem Jahr 2012 empfängt den Betrachter mit einer starken Symmetrie und farblichen Präsenz. Im Zentrum der quadratisch formatierten Zeichnung breitet sich ein großes Kreisgebilde aus, aus welchem wiederum kleinere und größere bunte Kreisobjekte in den Bildraum ausgreifen und auch die Eckpartien ausfüllen. Alle Farbtöne des zentralen Kreisgebildes sind in diversen kleinen Ablegern wiederzufinden. Auch Strukturen, Formen und Raumverteilung scheinen sich zum Teil jeweils im Kleinen erneut zu kreieren. Die linearen und farblichen Überschneidungen und Übergänge erzeugen Bewegung und eine spiralförmige Strudel- und Sogwirkung beim Betrachten. Man wird in das Chaos hineingezogen und fühlt sich in dem Wirrwarr aus Formen und Farben verloren. Auch bei diesem Bild ist eine mathematisch-naturwissenschaftliche Analogie hilfreich. Die visuelle Darstellung der Mandelbrot-Menge nach der Theorie des Mathematikers Benoît B. Mandelbrot offenbart ähnliche Effekte wie die artifiziellen Zeichnungen von Anja Kaufhold. Je detaillierter die Ränder der Mandelbrot-Menge betrachtet werden, umso mehr Strukturen und Formen ergeben sich, die der Ausgangsform gleichen. Die Perspektive ändert sich bei der visuellen Vertiefung in Makro- oder Mikrokosmos. Dabei wird ebenfalls eine Sogwirkung ins Unendliche deutlich und die Emotionen des Betrachters changieren zwischen Ordnung und Chaos. Dieses dialektische Wechselspiel von Form und Farbe sowie von Detail- und Gesamtansicht erzeugt Wandlungen und Fragen beim Rezipienten, der nach festem Halt in der Szenerie sucht. Wo befindet sich der eigene Standpunkt, welche Perspektive nehme ich ein oder welche Relevanz hat der eigene Ort im Sein? Im großen Kontext der Szenerie relativiert sich die eigene Perspektive. Parallelen in anderen Strukturen werden wahrgenommen. Zugleich ergeben sich Fragen nach der Bedeutung des eigenen Seins – analog zur Betrachtung des nächtlichen Sternenhimmels bei klarer Sicht – der Mensch ist zurückgeworfen auf die Kleinheit der eigenen Existenz, die in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden droht. Dieses Kreisen um das eigene Sein, was von den Zeichnungen der Künstlerin angestoßen wird, hat ein gewisses meditatives Moment. Dabei bleibt der Betrachter nicht im Stadium des Selbstzweifels gefangen, sondern weitet seine Perspektive. Die Künstlerin Anja Kaufhold erzeugt durch kräftige, satte Farbtöne und weiche-ornamentale Formen eine atmosphärisch positive Stimmung, die zwischen Chaos und Ordnung pendelt. Dabei deuten ihre Zeichnungen an, dass die Grenzen der Ordnungssysteme fließend sind und die Deklaration von Chaos der Perspektive des je eigenen Standpunkts obliegt und sie ermutigen zu einer kritischen Selbstreflexion.
(Michael Wächter)